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Titelblatt der Oper "Alceste" von Wieland und Schweitzer aus den Beständen der Landesbibliothek Coburg

ALCESTE - ein Meilenstein der deutschen Oper

Anton Schweitzers bedeutendes Werk auf CD erschienen

Von Rudolf Potyra

Die Firma NAXOS hat - sieht man von einigen vertretbaren Strichen und Sprüngen ab - die fünfaktige Oper „Alceste" von Anton Schweitzer erstmals komplett auf einer Doppel-CD eingespielt. Den Text hierzu schrieb Christoph Martin Wieland. Mit dieser Edition hat NAXOS nicht nur ein musikhistorisches Dokument allgemein zugänglich gemacht - „Alceste" ist die erste durchkomponierte Oper mit deutschem Text - , sondern zugleich eine prachtvolle Musik, die noch heute (bzw. wieder) mit ihrer melodischen Vielfalt, der kunstvollen Gestaltung und ihrer großen Ausdruckskraft fasziniert. Darüberhinaus hat die Veröffentlichung für Coburg eine ganz besondere Bedeutung, weil der Komponist Anton Schweitzer am 6. Juni 1735 in Coburg geboren (bzw. getauft) wurde.

Um 1745 kam Schweitzer als Sängerknabe nach Hildburghausen. Hier erhielt er eine gründliche musikalische Ausbildung. Als Bratscher und Cellist wurde er Mitglied der Hofkapelle, bis ihn sein Herzog 1758 nach Bayreuth und später nach Italien zur Fortsetzung seiner Studien schickte. Er wurde „Herzoglich Hildburghäusischer Kapellmeister"; ein Titel, den er zwar behielt, das Amt jedoch verlor, als das Theater wegen Finanznot aufgegeben wurde. 1769 schloss er sich als Kapellmeister der Seyler’schen Theatertruppe an, die vorwiegend norddeutsche Städte bereist, sich aber 1772 fest in Weimar niederließ. Hier brannte das Theater 1774 mitsamt dem Schloss ab. Die Truppe fand eine neue Bleibe in Gotha. Als Leiter der Hofkapelle blieb Schweitzer bis zu seinem Tod 1787 in Gotha.

Als Theaterkapellmeister schrieb Schweitzer ein Fülle von Bühnenmusiken und Balletten. [Das meiste davon dürfte dürfte nach seinem Tod in den Ofen seines letzten Wirtes - einem Bäcker - gewandert sein.]

Schweitzers „große Stunde" kam, als er in Weimar mit Christoph Martin Wieland, dem zu seiner Zeit meistgelesenen und höchstbezahlten Dichter, zusammentraf. [Der - meist unerfüllte - Traum fast eines jeden Komponisten - die Zusammenarbeit mit einem „echten" Dichter, der nicht bloß Librettoschreiber ist, wurde für ihn Wirklichkeit.]

Die „Alceste" wurde zum Höhepunkt dieser Zusammenarbeit. War Schweitzer schon durch seine „Dorfgala" auf den deutschen Bühnen kein Unbekannter mehr, so wurde er mit „Alceste" berühmt. Allein in Weimar, wo die Oper 1773 uraufgeführt wurde, ging sie 25 mal über die Bühne. Sie gehörte bald zum festen Repertoire der Bühnen und Theatertruppen von Hamburg bis München, von Danzig bis Prag und von Köln bis Berlin. [Noch 1792 schrieb Gerber in seinem „Historisch-biographischen Lexikon der Tonkünstler", dass sich das Werk „nun schon über 16 Jahre mit immer gleichen enthusiastischen Lobe und Beyfall der Liebhaber" auf den Bühnen halte.]

Die Dichtung Wielands - in wohltuend klassischer Diktion - ist eine Adaption der „Alkestis" des Euripides: Admets, des Gatten von Alceste, Lebensuhr ist abgelaufen. Er darf aber weiterleben, wenn ein anderer für ihn stirbt. Alceste ist dazu bereit. Als Admet davon erfährt, beginnt ein förmlicher Wettstreit, wer für wen sterben darf. Alceste setzt ihren Willen durch. Am Ende aber erscheint Herkules, ein Freund Admets, der als „Deus ex machina" Alceste aus der Unterwelt zurückholt.

Diese bis zum Übermaß gesteigerten Empfindungen und die Opferwilligkeit, die Wielands Zeitgenossen in Ekstase versetzten, und die abnehmende Vertrautheit mit antiken Stoffen mögen dazu beigetragen haben, dass „Alceste" allmählich von den Bühnen verschwand. [Spätere Wiederbelebungsversuche wie die Aufführung in Schwetzingen durch Eugen Bodart blieben Einzelfälle.]

Dem Grußwort, das die Thüringer Ministerin Dagmar Schepanski dem Beiheft zur CD voranstellte, ist zu entnehmen, dass die Aufnahme bzw. Aufführung der „Alceste" mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war. Erst durch den „sensationellen Fund" einer „auf 1774 datierten Abschrift der Originalpartitur" - Detailangaben über das Wo und Wann fehlen - wurde diese „erste vollständige Tonaufnahme" möglich.

Das alles hätte man viel einfacher haben können, wenn man sich an die Landesbibliothek Coburg gewandt hätte.

Wie das?

Die Landesbibliothek Coburg übernahm vor gut 30 Jahren die Bestände der Bibliothek des ehemaligen Herzoglich Sachsen Coburg-Gothaischen Hoftheaters. In jahrelanger, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderter Arbeit wurden sie aufgenommen. Die Notenmateriale wurden als Katalog veröffentlicht. (R. Potyra: Die Theatermusikalien der Landesbibliothek Coburg, München 1995, 2 Bde.)

In diesem Bestand fand sich ein kompletter Stimmensatz des Orchestermaterials zu „Alceste", der spätestens für die Gothaer Aufführungen der Oper (ab 29. Januar 1777 - also zu Schweitzers Zeiten!) erstellt wurde.

Die Landesbibliothek besitzt darüberhinaus das Particell - ein partiturähnlich erweiterter Klavierauszug -, der 1774 bei Schwickert in Leipzig erschienen ist.

An Hand dieser Materiale konnte die Historische Gesellschaft Coburg 1985 im Riesensaal des Schlosses Ehrenburg in Coburg eine Veranstaltung zum 250. Geburtstag des Komponisten durchführen. Bibliotheksdirektor Dr. Jürgen Erdmann entwarf ein Bild Schweitzers und die Solisten Nese Pars und Walter Klose sowie das Orchester der Neustadter Musikfreunde boten unter Helmut Henze Ausschnitte aus „Alceste" in einer Fassung dar, wie sie authentischer nicht sein konnte.

Diese Aufführungsmateriale wurden später dem (damals noch) Landessinfonieorchester Thüringen in Gotha für dessen erste Schweitzer-CD zur Verfügung gestellt. Man wusste also dort, bei der heutigen Thüringen Philharmonie Gotha-Suhl, die heute als Eigentümerin des Aufführungsmaterials firmiert, um den authentischen Coburger Bestand.

Im Verlauf der weiteren Beschäftigung mit „Alceste" erstellten 6 Kollegiatinnen des Leistungskurses Musik (Leitung Helmut Henze) 1985/87 am Gymnasium Albertinunm in Coburg, basierend auf den Orchesterstimmen und dem Particell, eine Partitur, die seit 1988 in der Landesbibliothek vorliegt.

Soviel zum Aufführungsmaterial der „Alceste". [Es zeigt, dass der von der Ministerin Schepanski herausgestellten Quellenrecherche des Dirigenten Stephan E. Wehr ein entscheidendes „Gewusst wo" fehlt; denn bei dem in Coburg geborenen und in Gotha als Kapelldirektor gestorbenen Anton Schweitzer wäre - neben Weimar, wo die „Alceste" uraufgeführt wurde -, eine Recherche in Coburg, dem Sitz des ehemals Sachsen Coburg-Gothaischen Hoftheaters, eine Selbstverständlichkeit gewesen.]

Im Beiheft der CD finden sich neben dem bereits erwähnten Vorwort der Ministerin Beiträge von Dr. Egon Freitag über Christoph Martin Wieland, von Prof. Dr. Helen Geyer ein „Zibaldone" (ein „Sammelsurium" - hätten Sie’s gewusst?) „zu Schweitzer-Wielands „Alceste", in dem sie das Werk als einen „Meilenstein auf dem Weg zur deutschen Oper" bezeichnet und im übrigen ihrer Fachkompetenz ungebremst freien Lauf lässt, eine Vorstellung der handelnden Personen von Reinhard Hasenfus, von dem auch eine possierliche Darstellung des Handlungsverlaufs in Versform stammt. Den Beschluss bildet eine imponierend umfangreiche Sponsorenliste, in der auch Boris Becker erscheint.

Zur Aufführung selber:

Sie verlangt vier Solisten: Alceste, ihre Schwester Parthenia, Alcestes Gatten Admet und Herkules, der zunächst nichtsahnend in die Szene „hereinschneit".

Alceste (Ursula Targler, Sopran) und Admet (Christian Voigt, Tenor) erfüllten ihre lyrischen Partien ganz großartig. Alceste stirbt einen Tod, wie er eindrucksvoller und ergreifender kaum dargestellt werden kann. [(Dass sie dabei ihren Schmerz in einem Sprung über zwei Oktaven artikuliert, sei am Rande vermerkt.)]

Admet verleiht mit großer Intensität seiner Verzweiflung einen rührenden Ausdruck.

Koloraturen, die der „Königin der Nacht" in Nichts nachstehen, aber umfangreicher sind, hat Sylvia Koke, Sopran, zu bewältigen. [Ihre Arie „O, der ist nicht vom Schicksal ganz verlassen", in der zur Singstimme eine obligate Violine tritt, ist ein Glanzstück allererster Güte.] Souverän und bravourös singt sie ihre umfangreichen Rouladen, wenngleich diese oft gar nicht zur tragischen Handlung passen.

Vom zunächst verwunderten Gast wandelt sich der Bassist Christoph Johannes Wenkel zum mitfühelnden Freund.

Der von Andreas Ketehut vorbereitete Opernchor des Theaters Erfurt wirkt nur im 5. Akt mit. Das Philharmonische Orchester Erfurt musiziert unter Stephan E. Wehr vorblildlich locker und (manchmal fast zu) dezent. Bei der Leistung des Dirigenten fällt - neben aller Präzision - vor allem die ausgewogene Gestaltung auf, mit der er die einzelnen Nummern ausmusiziert.

Die Aufnahme entstand in Zusammenarbeit mit dem Mitteldeutschen Rundfunk.

[Eine Anmerkung noch für Coburg: Eine Erinnerung an Anton Schweitzer - vielleicht durch einen Straßennamen - wäre angezeigt. Die Anbringung einer Gedenktafel vor etwa 20 Jahren scheiterte an inakzeptablen Vorbehalten des Hauseigentümers.]

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