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Buchvorstellung (gemeinsam mit der Gesellschaft für fränkische Geschichte) am 11. Juni 2010, 13 Uhr, im Andromedasaal:
Anne von Kamp: Adelsleben im bürgerlichen Zeitalter : Die Freiherren von Erffa im 19. und frühen 20. Jahrhundert.



Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei.

Das Buch entstand als Dissertation an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Themen: Welchen Weg schlug eine fränkisch-thüringische Familie des niederen Adels im Verlauf des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zwischen Anpassung an sich verändernde gesellschaftliche Bedingungen und dem Beharren auf traditionellen Werten und Denkmustern ein? Welchen Handlungsspielraum hatten die einzelnen Personen? Wie reagierten sie auf die jeweils aktuellen politischen oder sozialen Herausforderungen?

Die Familie von Erffa erwies sich als repräsentativ für den protestantischen Niederadel in dieser Zeit. Erkenntnisse der seit einigen Jahren intensiv betriebenen Adelsforschung konnten so mikrohistorisch bestätigt werden. Exemplarisch deutlich wird dies an der auch in der Familie nachweisbaren politischen Radikalisierung im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts.

Daneben wurden einige Bereiche aufgegriffen, die bisher in der Forschung kaum berücksichtigt wurden, zum Beispiel das Verhältnis der adeligen Gutsherrschaft zu der bürgerlichen Führungsschicht auf ihren Gütern, auf deren Kompetenz, Durchsetzungsfähigkeit und Fachkenntnisse die Herrschaft angewiesen war.

Gesellschaft für fränkische Geschichte, Reihe IX – Darstellungen aus der fränkischen Geschichte Band 55
ISBN 978-3-86652-955-7, VK 33,00 EUR, Subskription bis 31.07.2010 29,70 EUR

Auszüge aus der Einleitung:

Noch vor wenigen Jahren wäre die Beschäftigung mit einer Adelsfamilie ein abseitiges Thema gewesen. Während der Adel als Herrschaftsgruppe im Mittelalter und der frühen Neuzeit ein selbstverständlicher Gegenstand der Forschung war, bestand bis vor wenigen Jahren nur vereinzelt Interesse an einer Darstellung des Adels in der Moderne. Die Sozialgeschichte wandte sich seit den 1960er Jahren den Kerngruppen des industriellen Zeitalters zu, zunächst der Arbeiterschaft und daraufhin dem Bürgertum. Erst in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren entdeckte die historische Forschung den Adel in der Moderne als ertragreiches Objekt wissenschaftlicher Betrachtung. Ein Grund für diese Neuentdeckung lag in dem gestiegenen Interesse an Themen aus der Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Die Beschäftigung mit dem Adel als sozialer Gruppe bot eine schlüssige Erweiterung bisheriger sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Forschung um Fragen aus der Kultur- und Geschlechtergeschichte. Auch die zwischenzeitlich hoch geschätzte Erweiterung der Perspektiven auf den europäischen oder außereuropäischen Raum gab der Adelsforschung weiteren Auftrieb. [...]

Die Konzentration auf eine Familie bietet den Vorteil, sehr konkrete, genaue und in die Tiefe gehende Erkenntnisse liefern zu können. Die Bandbreite individueller Reaktionen auf eine sich verändernde Umwelt kann auf diese Weise sehr nuanciert dargestellt werden. Außerdem lässt sich die Wirkungskraft von Institutionen auf das Individuum auf der Mikro-Ebene deutlicher zeigen. Gerade im Fall des Adels erweist sich die Familie als besonders geeigneter Referenzrahmen, da in Familien gedacht und gelebt wurde. Die Wichtigkeit der näheren und weiteren Verwandtschaft sowie von schulischen, universitären oder beruflichen Netzwerken soll dabei nicht unterschlagen werden. [...]

Die Arbeit basiert in weiten Teilen auf der Auswertung subjektiver Quellengattungen (besonders von Briefen, Tagebüchern, eigenen literarischen Werken, Autobiographien), die Aussagen bzw. Selbstaussagen über weniger „harte“ Charakteristika wie etwa Mentalität, Bewertung der Umwelt und Persönlichkeit erlauben. Nur diese Art von Quellen ermöglicht die Darstellung von Ambivalenz, Zweifeln oder inneren Konflikten. Dabei darf gerade der Zwiespalt menschlicher Gefühle oder Ambitionen nicht unterschätzt werden. Es ist durchaus denkbar, dass ein Individuum auf gesellschaftliche Veränderungen sowohl positiv als auch negativ reagierte und dies nicht nur in sequentieller sondern auch paralleler Abfolge. Die Nachzeichnung der Familiengeschichte über mehrere Jahrzehnte fügt ein dynamisches Moment hinzu, das durch die Darstellung der Fortentwicklung oder des Wandels unterschiedlicher Familienmitglieder ausgelöst wird. Außerdem berücksichtigt die „Nahsicht“ die individuellen persönlichen Begabungen und Fähigkeiten, die ganz erheblich die jeweilige Nutzung des sozialen, kulturellen und ökonomischen Kapitals mitbestimmen. [...]

Es ist Ziel herauszuarbeiten, welchen Weg eine fränkisch-thüringische Familie des niederen Adels zwischen Anpassung an sich verändernde gesellschaftliche Bedingungen und dem Beharren auf traditionellen Werten und Denkmustern eingeschlagen hat. Da die Arbeit einen relativ langen Zeitraum umfasst, sind auch einige grundsätzliche Aussagen über generationsspezifische Verhaltensweisen möglich. Der Bezug auf Generationen bietet den Vorteil, dass politikhistorisch herausragende Daten oder Zäsuren wie 1789, 1848 oder 1918 in einen lebensgeschichtlichen Kontext gebettet werden. Oder anders ausgedrückt: Diese Zäsuren waren für die Protagonisten wichtig, oft noch Jahre oder Jahrzehnte nach den Ereignissen. [...]

Aus dem Inhalt:

Ferdinand Freiherr von Erffa – Staatsdiener und Landwirt (1796–1864) • Adeliger Landbesitz als Lebensunterhalt und Lebensweise: Die Geschichte des Familiengutes Ahorn • Das Rittergut – Strukturierung der ländlichen Sozialbeziehungen (Dienerschaft, Verwalter und Förster, "Gegen die Leute sey streng aber freundlich“: Knechte, Mägde, Hauspersonal und Tagelöhner) • Die Gutsrechte – Präsenz auf mehreren Ebenen (Patrimonialgerichtsbarkeit, Das Kirchen- und Schulpatronat, „Die Jagd war wieder einmal brillant ...“) • Alternative Wege der standesgemäßen Versorgung (Staatsdienst, Militärdienst) • Die Familie als Schauplatz adeligen Lebens (Bildung und Erziehung, Eheschließung, die verheiratete adelige Frau, Frauenleben jenseits der Ehe, das einzelne Familienmitglied und seine Stellung innerhalb des Familienverbands) • Adelige Selbstsicht und das Auftreten nach außen • Hermann Freiherr von Erffa – konservativer Politiker und Landwirt (1845–1911) • Quellen- und Literaturverzeichnis • Personen- und Ortsregister

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